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Tagebuch von ERB-Korrespondent Sönke C. Weiss

Wo Hilfe am nötigsten ist, da wird Sönke C.Weiss vor Ort sein. Er berichtet, wie und wo Ihre Spendengelder eingesetzt werden. Helfen Sie den Menschen Swasilands mit Ihrer Spende.

ERB-Korrespondent Sönke C.Weiss (*1967) ist Pressereferent bei WORLD VISION Deutschland e.V.. Seit Januar 2003 ist er als Communications Manager im Südlichen Afrika tätig, um über die Ursachen der aktuellen Hungerkrise zu informieren und Probleme wie Landminen und HIV/Aids in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Dafür unternimmt er Reisen nach Swasiland, Angola, Simbabwe, Lesotho und in die Demokratische Republik Kongo. Seine Berufserfahrung sammelte der Journalist als Frankreich-Korrespondent und als Reporter für verschiedene deutsche Zeitungen. Sönke C. Weiss ist verheiratet und hat eine Tochter.

Wahlen und ein neues Leben (02. Oktober 2003)
Morgen feiert Deutschland seine Wiedervereinigung. Menschen aus Ost und West werden sich nicht in den Armen liegen, sondern sich höchstwahrscheinlich über diese und jene Banalität - zumindest in meinen afrikanisch gefärbten Augen - aufregen. Ich finde die Wiedervereinigung klasse. Den morgigen Tag werde ich mit deutscher Flagge auf dem Schreibtisch feiern und meinen Freunden vom deutsch-deutschen Weg in die Freiheit vorschwärmen. Was mich daran erinnert: Hier in Swaziland gab es am Wochenende Wahlen. Die Beteiligung war gering, kein Wunder, das Kabinett funktioniert nicht wirklich, der König entscheidet alles alleine. Stimmen nach Demkoratie werden zwar immer lauter, aber sind noch nicht laut genug und werden im Keim erstickt. Trotzdem hört man immer wieder, gerade in eingeweihten Kreisen, dass König Mswati III. der letzte König Swazilands sein wird. Der Zeitgeist wirkt gegen ihn, Zeiten der absoluten Monarchie sind vorbei. Auch der Respekt gegenüber dem König wird immer weniger. Seine Frauen betrügen ihn, die Zeitungen in Südafrika berichgten freizügig darüber, sogar mit Fotos, sein Volk lächelt über ihn. Spötter nennen ihn mittlerweile sogar Disko-König, weil er immer wieder auf die Pirsch nach neuen, immer jüngeren Mädchen geht. Plötzlich knarrt das Funkgerät in Wandiles Auto. Jemand aus dem Feld, wie wir die Gegend um die Hauptstadt nennen, ist am anderen Ende: „Ihr seid doch die, die sich um William Ngwenya kümmern, oder?“ Klar sind wir das, antworten wir fast gemeinsam. „Na, dann kommt mal rüber. Nachwuchs ist da.“ Wandile und ich blicken uns verständnislos an. Dann gibt er Gas.

Wer trägt die Schuld? (25. September 2003)
 Wieder denke ich an das vergangene Jahr zurück. Was ist nicht alles passiert? Während sich die USA auf einen zweiten Golfkrieg vorbereiteten, standen im südlichen Teil Afrikas 40 Millionen Menschen vor dem Hungertod. In Ländern wie Simbabwe, Sambia oder, wie hier in Swaziland. Mittlerweile ist Saddam Hussein in Bagdad gefallen, doch der Terror längst nicht besiegt. Und Afrika? Noch immer gibt es im Südlichen Afrika über acht Millionen Menschen, die dringend Nahrungsmittelhilfe brauchen, denn täglich sterben auf dem Kontinent 3.000 Menschen an Aids, Tausende von Kindern an Malaria. Zu glauben, die Krise sei vorbei, wäre naiv. Meine Fragen häufen sich. Tragen nicht die Industriestaaten eine Mitschuld? Haben nicht Länder wie die USA, die ehemalige Sowjetunion und ihre Verbündeten auf beiden Seiten hier ihre Stellvertreterkriege ausgefochten, sind die Länder nicht ihrer Bodenschätze beraubt worden und ist dies nicht noch heute der Fall? Afrika muss sich mit den Folgen seiner Geschichte und einer langen Zeit der Kolonialisierung auseinander setzen.
Auch die Europäer blicken auf eine blutige Vergangenheit zurück. Beispiel Südafrika: Es war ein Portugiese, der 1488 als erster Europäer den Boden dieses Landes betrat. 1510 kam es erstmals zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Portugiesen und Ureinwohnern. Die folgenden Jahrhunderte waren geprägt von Unterdrückung und Versklavung der Einheimischen durch holländische und später britische Besatzer. Ich denke an den Hundertjährigen Krieg, an das furchtbare Leid der Menschen in den beiden großen Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Wir haben erst aus unserer Geschichte lernen und erkennen müssen, dass Kriege keine Lösung sind. Nur mit Hilfe eines starken Zweckbündnisses wie der Europäischen Union ist es uns gelungen, über 50 Jahre in Frieden miteinander zu leben. Wir wissen: Militärische Auseinandersetzungen, soziale Unruhen und Konflikte senken die Produktivität eines Landes, ja eines Kontinentes. Die Konsequenzen: Menschen legen Verhaltensweisen an den Tag, die wenig, wenn überhaupt kontrollierbar sind, wie es in vielen Teilen Afrikas der Fall ist. Frauen und insbesondere junge Mädchen müssen sich prostituieren, um ihre Familien zu ernähren. Die HIV/Aids-Rate steigt, wie auch die Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen. Am schlimmsten betroffen sind die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, die Kinder. denen WORLD VISION als kinderorientiertes, christliches Hilfswerk in erster Linie seine Aufmerksamkeit widmet.

Essen ist knapp (18. September 2003)
Ich habe einen Antrag beim Gericht gestellt, Nadine im Gefängnis besuchen zu dürfen. Eine Antwort habe ich noch nicht erhalten. Ich warte und helfe bei einer Lebensmittelverteilung mit aus. Ich sitze an einem Tisch, vor mir ein Stempelkissen und Lebensmittelkarten. Etwa Tausend Leute stehen in einer Schlange vor mir an. Jeder präsentiert mir seine WORLD VISION-Lebensmittelkarte, die er mir dann gibt und mit einem Fingerabdruck quittiert, damit er sich kein zweites Mal anstellen kann. Dann holen sich die Leute einige Kilo Getreide, Salz, Öl und Zucker ab. Genug, um nicht zu sterben. Zu wenig, um menschenwürdig zu leben. Noch immer hat es nicht geregnet. Seit mehr als sechs Monaten nicht. Die Menschen sind verzweifelt. Jeder dritte Swazi, das sind 300.000 Männer, Frauen und Kinder, leiden Hunger. Schlimm ist: der Winter ist vorbei, jetzt kommt die Hitze. William und seine Familie befürchten, dass sie auch in diesem Jahr wieder nichts anpflanzen können, von einer Ernte gar nicht zu sprechen. Während wir auf den nächsten Laster warten, kommt dann auch noch die nächste Hiobsbotschaft: der Laster ist verunglückt, der Fahrer tot. „Das ist ein Zeichen. Jetzt wird es bestimmt nicht mehr regnen. Unheil, immer nur Unheil“, sagt William und schüttelt den Kopf. „Es war ein Unfall, nicht mehr. Hör doch endlich auf, alles immer auf Gott oder auf Götter zu schieben“, sage ich in meinem Frust. „Nein, nein, nein“, fährt William fort und wiederholt: „Unheil, Unheil.“ Ich reibe mir die Augen und mache mit der Lebensmittelverteilung weiter.

Von Menschen, Muslimen und Hühnern II. (11. September 2003)
Die Geschichte mit Nadine wird immer verheerender. Nicht nur dass sie ihre Religion aus pragmatischen Gesichtspunkten wechselt, nein, nun ist sie auch noch zur Diebin geworden. Aber langsam: Vor gut zwei Wochen hatte sie mir davon berichtet, dass sie möglichst bald eine Hühnerzucht aufmachen wolle. In ihrem kleinen Haus auf dem Hope-Gelände. Obwohl ich meine Zweifel hatte, versprach ich ihr mich umzuhören, ob es nicht den einen oder anderen Investoren für sie gebe. Leider hatte ich keinen Erfolg. Das wollte ich ihr nun mitteilen. Doch Nadine war nicht im Hope House. Ihre Mutter paßte auf die Kinder auf. „Wo ist Nadine“, frage ich sie. „Im Gefängnis“, sagte die Mutter, die ebenfalls HIV-positiv ist. Ich setze mich. „Was ist passiert“, frage ich. „Nadine brauchte Geld, hat's geklaut und ist angzeigt worden. Der Richter machte kurzen Prozeß. Zwei Jahre ohne Bewährung“, erklärt die Mutter. „Nadine wird ihre Kinder nie wieder sehen. Das Gefängnis überlebt sie nicht. Das muß doch auch das Gericht gewußt haben. Sie hat Aids“, sage ich. „Das war dem Richter egal“, sagt die Mutter. Ich blicke auf die beiden Kinder, die ruhig auf dem Boden sitzen und mich erwartungsvoll anblicken. „Ich werde das Gericht anrufen und fragen, was wir machen können“, sage ich. „Das kann Wochen, ja Monate dauern, bis sich dort jemand für dich rührt“, sagt die Mutter. „Okay. Ich habe Zeit. Irgendetwas werden wir schon machen können“, antworte ich. „Mama kommt nicht wieder“, sagt plötzlich die vierjährige Zuricha. Mir fehlen die Worte.

Rechte sind wichtig! (4. September 2003)
Seit einem halben Jahr hat es im Südlichen Afrika nicht geregnet. Weitere Dürren stehen bevor. Ernten sind mehr als gefährdet. Was können wir tun, fragen wir uns immer wieder, um nicht nur einen Kampf gegen Windmühlen zu führen. Ich spreche mit einer Gruppe von Entwicklungshelfern von WORLD VISION und den Vereinten Nationen. Die Antworten, die ich hier zu hören bekomme, klingen plausibel: Wichtig sind Frühwarnsysteme, die auf Krisen hinweisen, bevor es zu spät ist und die davon Betroffenen bereits ihr Hab und Gut verkauft haben, in der Schuldenfalle gefangen und dadurch noch abhängiger geworden sind. Den örtlichen Regierungen muss geholfen werden, Krisen zu erkennen und sie zeitgerecht und selbständig zu bekämpfen. Auch über eine bestehende Krise hinweg muss überwacht werden, wo es an Nahrungsmitteln mangelt, um gegebenenfalls schnell reagieren zu können. Schon heute gibt es Studien, die belegen, dass aufgrund von Hunger und Mangelernährung geistige Kapazitäten bei Kindern rückgängig sind, Lernschwierigkeiten vermehrt auftreten und somit Zukunftschancen verbaut werden. 61 nichtstaatliche Organisationen wie WORLD VISION, 115 Regierungen sowie zahlreiche Gewerkschaftsverbände und Medien, die mit Hilfe eines Frühwarnsystems miteinander vernetzt sind, gibt es bereits. „Unser Ziel ist es, den Hunger zu reduzieren, die Nahrungsmittelproduktion zu steigern und jedem Menschen Zugang zu gesundem Essen zu garantieren“, sagt Henri Josserand, Chef des Globalen Frühwarnsystems der UN. Mir wird immer deutlicher, Afrikas Krisen sind noch lange nicht vorbei. Das große Sterben, hervorgerufen durch HIV/Aids, wird in den nächsten Jahren weiter gehen. Hunger wird auch künftig afrikanischen Frauen, Männern und Kinder einer lebenswerten Zukunft berauben, die sie eigentlich verdient hätten. Doch überall keimt auch Veränderung durch sinnvolle Hilfe. Also trage ich mit dazu bei, dass Afrikas Menschen zu ihren Rechten verholfen wird!

Von Menschen, Muslimen und Hühnern I. (28. August 2003)
Von Nadine habe ich bereits einmal berichtet. Wer sich nicht mehr an die 30-jährige Mutter zweier Kinder erinnern kann, hier eine kurze Zusammenfassung: Nadine lebt mit ihrem Sohn Joquim (6) und ihrer Tochter Zuricha (4) im Hope House in Manzini, der zweitgrößten Stadt Swazilands. Nadine ist HIV-positiv, ihr Sohn ebenfalls, ob Zuricha es auch ist, ist noch nicht klar. Zwei Blutuntersuchungen ergaben unterschiedliche Ergebnisse. Nun, an diesem Donnerstag besuche ich Nadine und ihre Kinder erneut, um zu schauen, wie es ihnen geht. Als ich die staubige Straße zum Hope House hinunter gehe, kommen mir die drei auch schon entgegen. Ich traue meinen Augen nicht. Nadine ist verschleiert. Zuricha ebenfalls. Joquim trägt einen Kaftan. Unter ihren Armen haben die beiden Kleinen je einen Koran geklemmt. „Wart ihr nicht vor einigen Tagen noch Christen“, frage ich Nadine. Zu zuckt mit den Schultern und antwortet: „Klar, aber die christlichen Schulen kosten Geld. Die Koranschule ist kostenlos. Ich muss doch dafür sorgen, dass meine Kinder Bildung erhalten, wenn ich tot bin.“ „Aha“, sage ich nur und bin erstaunt über soviel Pragmatismus. „Meinst du nicht, dass es auch eine andere Lösung gegeben hätte“, frage ich sie. „Darauf kann ich nicht warten“, antwortet sie und fügt hinzu: „Wenn mir ein Gott nicht hilft, suche ich mir halt einen anderen.“ Anschließend erzählt sie mir von einem weiteren Projekt. Sie möchte eine Hühnerzucht aufmachen. Dazu braucht sie aber umgerechnet mindestens 300 Euro. Ich verspreche ihr, mich umzuhören, wer Geld in dieses Projekt investieren möchte und in zwei Wochen wieder bei ihr vorbeizuschauen. Wir trinken noch einen Tee zusammen, dann verlasse ich das Hope House.

Den Menschen zu ihren Rechten verhelfen (21. August 2003)
Vor ungefähr einem Jahr begann die Hungersnot im Südlichen Afrika, also auch in Swaziland. Im Büro von WORLD VISION dachten wir an die zurückliegenden zwölf Monate und was alles passiert ist. Dank der internationalen Hilfsgemeinschaft, die es geschafft hat, in der größten humanitären Hilfsaktion der Geschichte binnen eines kurzen Zeitraumes 32 Millionen Kinder, Frauen und Männer zu retten, ist die Lage heute weitaus besser als noch im August des zurückliegenden Jahres. Auch wenn für viele jede Hilfe zu spät gekommen ist. Wie für das elf Monate alte Baby der sicher einst schönen Marianna (23), die apathisch auf dem Boden saß und um den Tod des Säuglings trauerte, der starb, weil ihr ausgemergelter Körper keine Milch produzierte. Emiliano und Avelina, die im Busch geboren wurden und im Busch sterben werden, die niemals eine Schule besucht haben und niemals ein Buch lesen werden, aber ein Recht auf Leben haben. Sie alle sind Menschen wie wir, würdevoll und zerbrechlich zugleich. Bilder, die sich für immer ins Gewissen der Helfer gegraben haben, die Augenzeugen dieser Katastrophe waren. Während dieser Zeit fragten sie sich oft: Warum spielt Afrika noch immer eine solch untergeordnete Rolle in der Welt? Sind die Menschen hier weniger wert? In Malawi, Sambia, Angola, Swaziland und anderswo auf dem so genannten schwarzen Kontinent? Liegt dann die Frage nicht nahe, ob mit unterschiedlichem Maß gemessen wird? Und warum reagiert man überhaupt erst dann, wenn das Kind bereits sprichwörtlich in den Brunnen gefallen ist? Und warum heißt es immer wieder: „Ach ja, Afrika, kennen wir ja, Chaos pur.“ Wer so argumentiert, macht es sich zu leicht. Wie heißt es doch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen: „Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Lebenshaltung, die ihm und seiner Familie Gesundheit und Wohlbefinden - einschließlich Nahrung, Wohnung, ärztlicher Betreuung und der notwendigen Leistungen der sozialen Fürsorge – gewährleistet. Er hat das Recht auf Sicherheit im Falle der Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität, Verwitwung, Alter oder anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.“ Daran glaube ich mit ganzem Herzen.

Ein toter Demonstrant (14. August 2003)
Zum ersten Mal in seiner Geschichte, ist Swaziland Gastgeber des jährlichen SMART-Treffens. Das nun hat nichts mit dem Auto zu tun, sondern dient den Staatspräsidenten und ihren Diplomaten über die Zukunft Afrikas zu sprechen. Ähnlich wie die Treffen der EU-Mitglieder in Brüssel oder wo auch immer. Afrika will die Moderne mit dem Traditionellen verbinden und hier einen Konsens finden, der allen gerecht wird. Soweit der Inhalt. Viel interessanter und gleichsam schockierender empfand ich die Dinge, die sich abseits des Treffens abspielten. Wie bei anderen Gipfeln auch, versuchten auch in Swaziland Demonstranten auf sich und ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Hunderte von Globalisierungsgegnern waren in Mbabane auf der Straße, aber zum größten Teil Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die mehr Demokratie in der letzten absoluten Monarchie Afrikas forderten. Doch König Mswati III. ließ nicht mit sich reden. Er schickte die Polizei mit Wasserwerfern und Gummigeschossen in die Stadt und ließ die Menge gewaltsam auseinander treiben. Dabei wurde ein Demonstrant getötet. Ich erinnerte mich an Genua und den toten Demonstranten dort und wie die Welt damals aufschrie. Der Tot des jungen Mannes hier schien niemandem groß zu stören. Es gab nur eine kleine Meldung dazu.

Einarmige Banditen und weißhaarige Damen (7. August 2003)
Ich habe einen offiziellen Termin im Royal Swazi Sun-Hotel. Das Hotel liegt außerhalb der Hauptstadt und gehört zu einer großen Hotelkette, die überall auf der Welt ihre Luxusabsteigen haben. Meist ist denen auch ein Kasino angeschlossen. Wie es hier auch der Fall ist. Hintergrund: Früher, während der Apartheit, war das Glücksspiel in Südafrika verboten. Also fuhr man entweder nach Swaziland oder Lesotho, wo es Kasinos gab, was ebenfalls zur Folge hatte, dass unzählige Frauen Kinder von Weißen bekamen. Aber das ist eine andere Geschichte. Das Hotel ist ein prächtiger, weißer Bau mit viel Gold und Glitzer im Inneren. Sobald ich die Eingangshalle betrete, höre ich auch schon das Geklimper und Geklingel der Einarmigen Banditen. Davor sitzen ältere, weißhaarige Damen, die an überlangen Zigaretten nuckeln und ihre Münzen in die Schlitze der Maschinen werfen. Ältere Herren sitzen am Black-Jack- oder Roulette-Tisch und verspielen ihr Geld. Alle wirken irgendwie angespannt und scheinen nicht viel Spaß am Spiel zu haben. Mit Vergnügen hat das hier wenig zu tun, denke ich und nippe an meinem kostenlosen Drink mit Schirmchen, während nur wenige Kilometer von wo ich stehe Menschen hungern und im Elend hausen.

Nicht die Serengeti, trotzdem wunderschön (31. Juli 2003)
Heute mache ich mich auf den Weg, um endlich auch einmal etwas Tourismus zu erleben. Ich packe meine Familie also in den Landrover und wir fahren in den Mkhaya-Wildpark, einem der ältesten Refugien für wilde Tiere, 1979 vom Engländer Ted Reilly gegründet. Was mich dabei besonders interessiert, ist, dass man zu Fuß durch den Park laufen darf und die Tiere also fast hautnah erleben kann, ohne durch eine Autotür von ihnen getrennt zu sein. Das will ich erleben. Ich schnalle mir meine Tochter auf den Rücken und los geht´s. Und wirklich, der Park ist zwar nicht die Serengeti, aber trotzdem wunderschön. Berge und Täler soweit das Auge reicht. Dazwischen Flüsse und Teiche. Dann wieder Steppe. Einmal sogar richtiger Urwald. Wir beobachten Flußpferde in einem See, treffen auf eine Herde von Zebras, sehen Giraffen zwischen Baumwipfeln spazieren, stehen unweit von Büffeln und Antilopen und bestaunen Nashörner, die ein Schlammbad nehmen. Wir sind begeistert von soviel Vielfalt und Schönheit in einem Land, in dem leider die negativen Aspekte überwiegen. Doch hier scheinen diese Dinge keine Rolle zu spielen. Alles wirkt heil und im Gleichgewicht mit sich und der Welt. Wir kommen auf jeden Fall wieder, versprechen wir uns. Für Neugierige kann ich folgende Websites empfehlen: www.swazitrails.com oder www.biggame.co.sz!

Miss Swaziland gibt sich die Ehre (24. Juli 2003)
Als Wandile mich fragte, ob ich nicht Miss Swaziland kennen lernen möchte, sagte ich natürlich sofort ja. Nozipoh Shabangu ist 21 Jahre alt, etwa 1,75 Meter groß und - natürlich - gertenschlank. Ihre Maße: 95 - 55 - 85. Traumhaft? „Wow“, sagt Wandile und auch die anderen Zuschauer, meist Männer, kriegen ihre Münder nicht mehr zu. Dann kommen die Fragen und sofort wünscht man sich, dass solche Veranstaltungen doch lieber als Stummfilm ablaufen sollten. Welchen Körperteil mag sie am liebsten an sich: „Mein Gesicht, meine Brüste und meine dünnen Beine“, haucht sie. Wie lebt sie ihr Leben? „Wie ein guter Christ.“ Was möchte sie mit ihrem Leben anfangen? „Es in den Dienst der Gemeinschaft stellen.“ Würde sie den König heiraten? „Nein. Ich will nicht Nummer 12 sein.“ Hmm. Fragende Blicke. Damit hatte keiner gerechnet. Eine solche Ehre auszuschlagen? Wie kann man nur? Mir gefällt die Antwort. Trotzdem Todesstille. Um zu retten, was zu retten ist, schlägt der Moderator vor, dass Miss Swaziland jetzt ein Lied singt. Sie versucht sich an „The greatest Love of all“, und die ganze Schose beginnt peinlich zu werden. „Zeit zu gehen“, sage ich und schleife Wandile nach draußen. In einer Apotheke um die Ecke kaufe ich mir eine Schachtel Hustenbonbons. Der Winter macht dem Hals zu schaffen. „Was gibt´s Neues“, frage ich den Apotheker. „Das übliche“, antwortet er, „die meisten meiner Patienten haben Aids, aber keiner will es wahrhaben. Es ist zum verzweifeln. Die Leute müssen endlich begreifen, dass sie nicht verhext sind, sondern dass sie Aids haben. Das muss in ihre Köpfe rein.“ Ich nicke, stimme ihm zu und zahle. In der Ferne höre ich Miss Swaziland die letzten Noten pfeifen.

Schießerei vor der Post (17. Juli 2003)
Es geschah am helllichten Tag. Ein offensichtlich verwirrter Mann - oder war es vielleicht gar eine Frau - legte sich vor dem Büro der Post von Manzini, der zweitgrößten Stadt Swazilands, auf die Lauer und schoss unbescholtene Bürger nieder. „Scharfschütze streckt drei nieder“ titelte die Swazi News am nächsten Tag. „Wild West in Swaziland“, denke ich laut als wir in eine Straßensperre der Polizei geraten und man uns nach Waffen durchsucht. „Schon eine Spur“, frage ich einen der Beamten. „Noch nicht“, sagt er, „aber wir kriegen ihn schon.“ „Gab ´s Tote“, lautet meine nächste Frage, während der eifrige Polizist selbst im Handschuhfach nach einer Tatwaffe sucht. „Nein“, antwortet er knapp. „Wie schlimm sind die Verletzungen“, lautet meine nächste Frage. „Alle Opfer sind im Gesäß getroffen worden“, sagt er und blickt mir direkt in die Augen. „Gesäß“, wiederhole ich, „seltsames Ziel für eine Kugel.“ „Alle Opfer sind Frauen“, fährt er fort und fügt hinzu: „Und dort sind sie am leichtesten zu treffen.“ Ich erspare mir weitere Fragen. Wir dürfen weiterfahren. Den Täter hat die Polizei bis dato nicht gefasst. Später stellte sich lediglich heraus, nachdem die drei getroffenen Frauen operiert worden waren, dass die Schüsse aus einem Luftgewehr stammten.

Zeitungen sprechen von Angst vorm Islam (10. Juli 2003)
Wie jeden Morgen kaufe ich mir auch heute eine Zeitung, die Swazi News, eine Mischung aus Bild und Lokalblatt. Ein wenig Politik, ein wenig Klatsch, ein wenig Sex, Kreuzworträtsel und Dutzende von Todesanzeigen. In dieser Ausgabe indes, was ungewöhnlich ist, greift einer der Redakteure eine der Königinnen, elf gibt es bislang am Hof von Swaziland, an. Inkhosikati Lamatsebula hat nach Aussage des Journalisten die Nation verraten. „Harter Tobak“, sage ich zu meinem Kollegen Wandile. Er greift sich das Blatt und liest den Artikel. Kurz zusammengefasst: 2000 Muslime verschiedener afrikanischer und asiatischer Staaten hatten eine Audienz am Hof von Mswati III, dem König von Swaziland. Da sich dieser auf einer Dienstreise befand, übernahm seine Frau den Part der Gastgeberin. Das Treffen, so der Artikel weiter, sei dazu gedacht gewesen, persönliche und wirtschaftliche Verbindungen zu stärken, was eigentlich auch kein Problem wäre, wenn es nicht einen Pastor namens Justice Dlamini gäbe, der meinte, dass Swaziland christlich sei und Muslime hier nichts zu suchen hätten. „Was hältst du davon“, frage ich Wandile, der antwortet: „Swaziland ist ein christliches Land. Aber es hat auch Platz für Muslime. Die meisten Menschen hier sind tolerant. Viele aber haben Angst vor dem Unbekannten. Außerdem ist Wahlkampf. So versucht jeder einen Platz in den Medien zu bekommen.“ Eine Stellungnahme vom Hof finde ich nicht in dem Artikel.

Kein Happy End für Aidswaisen (03. Juli 2003)
Im Hope House treffe ich mich heute mit Nadine. Sie ist HIV positiv und hat zwei Kinder. Einen Jungen, 5, und ein Mädchen, 3. Als sie ihren Sohn bekam fand sie heraus, dass sie HIV positiv ist. Das hinderte sie aber nicht daran, weiter ungeschützten Geschlechtsverkehr zu haben und wieder schwanger zu werden. Als sie dem Vater ihrer Tochter erzählte, dass sie krank ist, verließ sie dieser. Zu Recht? Ich weiß es nicht. Hat er sie zum Sex gezwungen (bei 60 Prozent aller afrikanischer Frauen ist die erste sexuelle Begegnung eine Vergewaltigung)? Hat sie ihn reingelegt? Böse Absicht? Oder wollte sie Kondome benutzen und er nicht? Was ist die Wahrheit? Afrikanische Männer sind keine Chorknaben. Afrikanische Frauen nicht immer unschuldig. Jetzt ist Nadine auf der Suche nach Adoptiveltern für ihre Kinder. Was für eine Aufgabe und was für eine Herausforderung. Der Junge ist ebenfalls HIV positiv. Der Test des Mädchens war einmal positiv und einmal negativ.  'Jemand wird ein Herz haben', sagt Nadine und streichelt ihren Kindern sanft über den Kopf. Sie haben wunderschöne Augen und ein bezauberndes Lächeln. Sie lieben ihre Mutter. Was muss in einer Frau vor sich gehen, die weiß, dass sie bald sterben wird, aber nicht um das Schicksal ihrer Kinder weiß. Nehmen wir an, jemand will die Kinder nehmen, sollte dies heute passieren, oder erst nach dem Tod der Mutter. Hätte Nadine überhaupt noch Lebensmut ohne ihre Kinder? Wie auch immer ich die Geschichte in meinem Kopf drehe und wende, sie wird nicht gut. Sie wird kein Happy End haben. Für niemanden.

Monarchie und Hexerei (26. Juni 2003)
'Muti' heißt soviel wie Hexenzauber oder Beschwören. In Swaziland ist dies noch heute ein Volkssport. Jeder glaubt daran. Sogar mein Kollege und Übersetzer. Ich lese einem 'Muti'-Artikel in der Zeitung. Darin steht, dass König Mswati III. für Oktober Neuwahlen angesetzt hat. Nicht, dass das Parlament was zu sagen hätte, Swaziland ist eine absolute Monarchie. Wie dem auch sei, in dem Artikel ruft der König seine Parlamentarier dazu auf, sich nicht 'Muti' zu bedienen, um politische Gegner aus dem Weg zu räumen. Auch das rituale Ermorden von Gegnern lehnt er öffentlich ab. Will sagen: kein Augenausstechen, keine Genitalverstümmelung, kein Verbrennen von Innereien will der König während der kommenden Monate sehen. 'Das ist ja schlimmstes Mittelalter', sage ich zu Wandile. 'So ist das. Bei den letzten Wahlen 1998 wurden mindestens zwölf Politiker verstümmelt aufgefunden', antwortet Wandile. Ich blicke ihn verständnislos an. Er fährt fort: 'Aber auch Witwen und Waisen wurden geopfert. Ihre Körperteile abgetrennt, verbrannt und die Asche dann irgendwo vergraben. Manchmal wird sie auch mit Kräutern vermischt und dann als Saft getrunken. Das soll Kräfte geben und unverwundbar machen.' 'Ihr spinnt.' 'Nein, das ist Magie', sagt er. Ich blicke ihn weiterhin verständnislos an und kehre dann zu meiner Lektüre zurück. Der König möchte, gerade auch deshalb weil es eine neue Verfassung gibt, dass das neue Parlament ohne Morde auskommt. Zumindest nennt er das Kind beim Namen, denke ich.

Ein Lächeln auf ein Kindergesicht zaubern (19. Juni 2003)
Heute war ich bei William Ngwenya und seiner Familie. Leider waren er und seine Frau nicht da. Sie haben eine langen Fußmarsch auf sich genommen, um sich Lebensmittel  abzuholen. Mandla hat auf seine Geschwister aufgepasst. Ich hatte einige Lebensmittel dabei, Maismehl, Reis, Kekse, und einen neuen Fußball. Gemeinsam haben wir ihn eingeweiht und ein wenig zwischen den Strohhütten gebolzt. Es ist so einfach, den Kindern hier in Swaziland eine Freude zu machen. Ein einfacher Fußball genügt, um ein Lachen auf ihre Gesichter zu zaubern und sie aus ihrer Lethargie zu bringen. Zum Glück war mein Kollege und Übersetzer, Wandile, dabei. Ich spreche kein Swazi und die Kinder kein Englisch. Zum Spielen braucht man keine Sprache, dennoch wollte ich wissen, wie es ihnen heute ging. 'Gut', sagte Mandla. 'Wir haben einen neuen Ball und etwas zu essen.' Seine Geschwister nickten. Ich fragte ihn, wie es seiner Haut gehe. Wegen der Mangelernährung hatte er Ausschlag und Pusteln bekommen. Zwar hat das Jucken inzwischen aufgehört, dennoch hat sich keine große Besserung eingestellt. 'Nachts ist es am schlimmsten. Manchmal kann ich gar nicht schlafen', sagte er und zeigte mir seinen Bauch, der ganz wundgescheuert war. Ich versprach, beim nächsten Mal Salbe mitzubringen und etwas Neues zum Anziehen. Mandlas Hemd und Hose waren total zerschlissen und hingen in Fetzen von seinem mageren Körper. Mandla bat mich noch ihm ein paar Bälle zuzuspielen, dann machten wir uns wieder auf den Weg in die Stadt.

Afrikanische Frauen sind verantwortungsvoll (12. Juni 2003)
Heute war ich im 'Hope House', ein von WORLD VISION unterstütztes Hospitz. Hierher kommen Aidskranke zum Sterben. Es ist die letzte Station ihrer Krankheit. Zum größten Teil handelt es sich um Frauen und Kinder. Dieses Haus ist ein stiller und würdevoller Ort. Er zeigt untrüglich das schlimmste Problem Swasilands: Aids, woran mittlerweile nahezu 40 Prozent erkrankt sind. Mit einigen der Patienten konnte ich reden. Den Frauen zumindest. Sie geben zu, dass sie Aids haben. Sie erzählen mir ihre Geschichten. Wie ihre Männer von der Arbeit aus der Stadt zurückgekommen sind, wie sie den Virus mit sich brachten und an ihre Frauen gaben. Die Männer indes weigern sich zuzugeben, dass sie an HIV-Aids erkrankt sind. Einige glauben, nur eine schlimme Grippe zu haben. Anderen meinen sie seien von irgend jemandem verhext worden. Von einer Frau natürlich. Mit den Männern lässt sich schlecht diskutieren. Die Frauen aber versuchen, mit ihrer Situation klarzukommen. Schon allein der Kinder wegen. Afrikanische Frauen sind verantwortungsvoll. Verantwortungsvolle afrikanische Männer zu finden ist schwierig. Doch es gibt Hoffnung. Immer mehr Frauengruppen formieren sich und fordern ihre Rechte ein. Das ist gut so. Ich drücke ihnen die Daumen.

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